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Baden-Baden
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Alltag zwischen Sperrmüllmöbeln und Tütensuppen.
Vom Uropa die Spielsucht geerbt.
Fahrer und Fernsehtechniker:

Dostojewskis Urenkel Dmitrij

Es war vor zehn Jahren. Ein kleinwüchsiger, vollbärtiger Mann mit grauen Haaren und einem stechenden Blick betrat das Casino in Baden-Baden. Der Spieler legte die Chips im Wert von 30 Mark vor sich auf einen der Roulettetische. Als sich sein Kapital wenig später verfünffacht hatte, kehrte er abrupt die Spielmarken zusammen und verließ den Tisch. "Es klappt. Er hätte damals nur früher aufhören sollen", sagte der Mann mit starkem russischen Akzent. Bevor er ging, stellte er sich bei dem Casinodirektor vor: "Mein Name ist Dmitrij Dostojewski. Mein Urgroßvater, der Schriftsteller, hatte hier leider vor 124 Jahren den Mantel seiner Frau verspielt."

Auf dem Rundgang durch die ehemalige Wohnung von Fjodor Dostojewski freut sich Dmitrij lautstark, dass er die Gene seines weltberühmten Vorfahren ausgetrickst hat: "Zusammen mit seinem willenlosen Kinn hat er mir auch seine Spielsucht vererbt. Doch ich habe sie prima im Griff". Die Besucher des Museums - ein Dutzend ältere Russen und ein paar westliche Touristen - drehen sich neugierig nach der tiefen Stimme um. "Wir sind im Kinderzimmer. In dieser Schranktür gibt es eine eingedrückte Stelle - da habe ich mir als kleiner Junge den Kopf gestoßen", erzählt Dostojewski fröhlich. "Und hier hat Fjodor gearbeitet".



Dmitrij ist 55 Jahre alt. Er redet viel, er trinkt gerne Wodka und er raucht permanent stinkende Zigaretten, die er "Puschki" (Kanonen) nennt. Dmitrij fühlt sich im Museum so wohl wie in seiner kleinen Wohnung am Rand von St. Petersburg. Sie besteht aus zwei Zimmern, die in 35 Jahren nie renoviert wurden. Die Möbel sind vom Sperrmüll. Vor dem mehrstöckigen Plattenbau parkt ein 20 Jahre alter Audi. Ab und zu steigt der Russe in seinen quietschenden Wagen, um für eine kleine Handelsfirma Spirituosen und Tütensuppen durch die Stadt zu transportieren. Wenn es gut läuft, bekommt Dmitrij umgerechnet 400 Mark im Monat. Doch das ist selten der Fall. "In den letzten Wochen gab es gar keine Arbeit", sagt er. "Da musste ich meinen Sohn Fjodor um Geld bitten."

Als Straßenbahnfahrer lebt der 25-jährige Fjodor selbst am Rand des Existenzminimums. Obwohl ihr Vorfahre einer der berühmtesten Schriftsteller aller Zeiten war, haben Dmitrij und Fjodor junior von den millionenfach verkauften Büchern Dostojewskis keinen einzigen Rubel an Honoraren bekommen. Der Autor von "Schuld und Sühne" und der "Brüder Karamasow" brachte Russland viel Ruhm, doch der Staat hat sich nie um seine Familie gekümmert. Der Revolutionär und Staatsgründer Wladimir Lenin hat Dostojewskis Erbe für schädlich erklärt. Als Fjodor Fjodorowitsch, der Sohn des Schriftstellers, 1921 in Moskau starb, wurde nicht einmal für ein ordentliches Grabmal gesorgt. "Ich suchte nach seinem Grab und fand es nicht", erzählt Dmitrij. "Auf Befehl von Stalin wurde das Friedhofsbuch mit der entsprechenden Eintragung vernichtet". Die letzte Wohnung des Schriftstellers beherbergte drei Jahrzehnte lang verschiedene Familien, ehe sie 1971 renoviert und zum Museum erklärt wurde. Damals hatte auch der 26-jährige Dmitrij eine Wohnung vom Staat zugeteilt bekommen. Er arbeitete lange als Straßenbahnfahrer, bis eines Tages die Bremsen in seiner mit Passagieren voll gepackten Tram versagten. Der Russe schaffte es, die Bahn in einen Lkw mit Tomatenkisten zu lenken und sprang in letzter Sekunde aus der Führerkabine heraus. Niemand wurde verletzt.

Fjodor Michailowitsch schrieb: ,"Ich gehe bis zur Grenze und blicke in den Abgrund". "Das ist auch mein Schicksal", sagt Dmitrij. Er erkrankte an Krebs, besiegte ihn und wurde Fernsehtechniker. Nach dem Krach der Sow-jetunion verlor Dostojewski seinen Job. Durch Zufall landete er 1991 in Hamburg. "Damals lief eine Hilfsaktion für Russland. Ich half den Deutschen, die Lebensmittellieferungen in den Osten zu organisieren", sagt er. Der Abgrund war wieder nah gewesen.

Dass Dmitrij nie eine Hochschule besucht hat, wird ihm zum Verhängnis: Der Mann, der das Werk seines Urgroßvaters in- und auswendig kennt und der angeblich sogar die Seele des Ahnen fühlen kann, wird möglicherweise nie Direktor des St. Petersburger Dostojewski-Museums. "Ohne ein Diplom bleiben für mich gewisse Möglichkeiten verschlossen", seufzt er. Immerhin wird Dmitrij gelegentlich zu Literaturdiskussionen eingeladen. Nur einmal stand er im Mittelpunkt, als ihn die Organisatoren eines pompösen Balls "Krieg und Frieden" nach London eingeladen hatten. Erstmals im Leben musste er einen Frack anziehen. "Ich brauchte dafür 40 Minuten. Doch dann wurde es sehr lustig", erinnert sich Dmitrij Dostojewski. "Wir tranken jeder eine Flasche Wodka, und meine filterlosen, qualmenden Zigaretten waren unter den reichen Gästen sehr begehrt."

© BNN, Juli 2001
Foto: BNN



 


 

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