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Karlsruhe
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Große Sonderausstellung
des Landes Baden-Württemberg in Karlsruhe

Eugène Delacroix besuchte auf seinen Reisen auch Baden-Baden und malte ein Bild vom Alten Schloss.


Eugène Delacroix
1.11.2003 – 1.2.2004

Die Ausstellung "Eugène Delacroix" in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe zeigt vom 1.11.2003 bis 1.2.2004 mit 223 Exponaten einen großartigen Überblick über das Werk des französischen Malers, der nach Ansicht Paul Cézannes über "die schönste Palette Frankreichs" verfügte.

Mehr als 60 öffentliche und private Leihgeber aus acht Ländern – den USA, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, der Schweiz, Schweden, den Niederlanden und Griechenland – haben sich für drei Monate von bedeutenden Gemälden, Zeichnungen und Druckgraphik jenes Künstlers getrennt, dessen Malerei den Höhepunkt der französischen Romantik bildet und einen der entscheidendsten Impulse für die Entwicklung der Moderne gab.

Die Ausstellung ermöglicht es, fünfzehn Jahre nach der letzten großen Übersichtsschau zum Werk Delacroix’ in Deutschland, einen neuen differenzierten und vertieften Blick auf eine der komplexesten Künstlerpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts und ihr folgenreiches Schaffen zu werfen, auf einen leidenschaftlichen Wegbereiter, der mit seiner Kunst progressiv wirkte und die kritische Öffentlichkeit polarisierte, sich aber selbst fest und kunsttheoretisch reflektiert in der Tradition der Malerei der alten Meister verortete.

Die Vielstimmigkeit des Œuvres
Die gesamte Entwicklung des Künstlers lässt sich in dieser Ausstellung verfolgen, jene immense Vielseitigkeit, die sein Werk von Beginn an in thematischer und technischer Hinsicht auszeichnete und die Delacroix selbst immer wieder bewusst öffentlich unter Beweis stellte. Er befasste sich mit historischen, mythologischen, biblischen und literarischen Stoffen, übernahm Großaufträge zur Ausgestaltung von Kirchen und Palais, erregte mit seinen spektakulären Historiengemälden – zum Beispiel zur Pariser Julirevolution und dem griechischen Freiheitskampf – unerhörtes Aufsehen in den Pariser Salonausstellungen und experimentierte bravourös, auch um ein breiteres Publikum zu erreichen, mit einer damals noch jungen Drucktechnik wie der Lithographie.

Zeichnung und Aquarell
Obschon Delacroix’ kunsthistorische Bedeutung sich vor allem auf seinen fulminanten Umgang mit der Farbe gründet, gehört er gleichzeitig zu den virtuosesten und produktivsten Zeichnern der Kunstgeschichte. Unablässig und lebenslänglich studierte und skizzierte er, zunächst in der Akademie, im Louvre, im Jardin des Plantes, in der freien Natur, auf Reisen oder im Atelier, und schuf so ein großartiges Reservoir an Blättern, aus dem er für seine Malerei schöpfte – oft auch viele Jahre nach Entstehung der Skizzen. Die Zeichenweise des jungen Delacroix wird in der Ausstellung zunächst anhand einer Auswahl aus dem so genannten Bremer Album dokumentiert. Wie spontan und gekonnt er Eindrücke und Stimmungen notierte, wie gründlich er Pflanzen, Tiere und die menschliche Anatomie beobachtete, aber auch was er las, wem er begegnete, welche Motive ihn inspirierten und wie er zeichnend Ideen entwickelte und Kompositionsvorstellungen verdichtete, wird durch diese und eine reiche Auswahl weiterer Zeichnungen und meisterlicher Aquarelle aus allen Schaffensphasen sichtbar.

Die frühen Jahre
Aus dem Aktstudium vor dem Modell ging in den frühen Jahren unter anderem "Sitzender weiblicher Akt, Mademoiselle Rose" (1820/21; Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie) hervor, ein Gemälde, das Delacroix’ Beschäftigung mit den Werken von Rubens und Rembrandt anklingen lässt, und gleichzeitig als Wendepunkt in seinem Schaffen, als Zeugnis einer höchst sensitiven und ausdrucksstarken Verwendung der Farbe erkannt wurde. Seine Porträts jener Jahre, etwa das bezaubernde "Bildnis Madame Simon" (1828; Staatliche Kunsthalle Karlsruhe), aber auch jenes seines Cousins Léon Riesener (1835; Musée du Louvre Paris), lassen den Einfluss der englischen Bildniskunst erkennen, mit der er sich vor allem während seiner Reise nach Großbritannien 1825 auseinandersetzte.

Die englische Literatur, besonders die Tragödien William Shakespeares, die wortgewaltigen Epen Lord Byrons und die historischen Romane Sir Walter Scotts, wirken nicht nur in dieser Phase als eine der Hauptinspirationsquellen für Delacroix. Auf die Byron-Lektüre gehen beeindruckende Gemälde wie "Ein getöteter türkischer Offizier in den Bergen" (1826; Privatbesitz), später „Kampf zwischen dem Giaur und dem Pascha“ (1835; Petit Palais, Musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris) und die beiden Versionen des "Tod des Lara" (um 1847/48 und 1858; beide Privatbesitz) zurück.

Frucht seiner umfassenden Belesenheit und zugleich fragend-existenzielle Selbstzeugnisse sind die Künstlerbilder: Dem Dichter Torquato Tasso widmet Delacroix 1824 das Gemälde "Tasso im Irrenhaus" (Privatbesitz), das im selben Salon wie "Das Massaker von Chios" ausgestellt wurde. Thematisiert Delacroix hier die Verletzlichkeit, das Ausgeliefertsein des verkannten Künstlers an die Gesellschaft, so beleuchtet er in dem vier Jahre später entstandenen Bild "Milton diktiert seinen Töchtern das ‚Verlorene Paradies’" (1827/28; Kunsthaus Zürich), einem weiteren Künstlerbild, dem Jahrzehnte später unter anderen "Ovid bei den Skythen" (1859; The National Gallery London) folgte, die Einbildungskraft des Genies, das aus Erinnerung, Erleben, Vorstellung und Vision ein Werk und damit eine neue Welt schafft.

Das Tragische, Dramatische und Theatralische, das auch für diese Gemälde von Belang ist, beherrscht nachdrücklich die Auseinandersetzung mit Goethes "Faust" (1825/27) und Shakespeares "Hamlet" (1834-1843), die einerseits vor allem in zwei kühne Lithographie-Zyklen – einen Höhepunkt der romantischen Druckgraphik – mündet, andererseits aber auch zu Gemälden wie "Hamlet und Horatio auf dem Friedhof" (1835; Städelsches Kunstinstitut Frankfurt/Main) und "Der Tod des Valentin" (1847; Kunsthalle Bremen) führt.

Gänzlich unliterarisch hingegen ist Delacroix’ Interesse in dieser Zeit für ein Sujet, das ihn ebenfalls lebenslänglich begleiten wird – das Tier. Ein frühes Meisterstück, das er 1831 im selben Salon wie "Die Freiheit führt das Volk" ausstellt, entsteht 1830: "Junger Tiger, der mit seiner Mutter spielt" (Musée du Louvre Paris) zeichnet sich nicht nur durch eine fein geglättete, von der konservativen Kritik freundlich begrüßte Malkultur aus, sondern ist der Darstellung der majestätischen und würdevollen Schönheit des Tieres gewidmet.

Katalog zur Ausstellung Eugène Delacroix

Ausstellungskatalog


1832 – Die Marokko-Reise
Einer anderen Form von ihn nachhaltig beeindruckender Schönheit begegnet Delacroix 1832 auf seiner Reise nach Marokko, die er als Begleiter des französischen Gesandten Charles de Mornay antritt. Die Ausstellung führt erstmals zwei während der Überfahrt an Bord des Schiffes entstandene Aquarelle zusammen, den Blick auf "Die spanische Küste bei Salobrena, nahe Almeria" (1832; Artemis Fine Arts New York) und "Die afrikanische Küste, aus Blickrichtung der Meerenge von Gibraltar" (1832; Musée du Louvre Paris). In den folgenden Monaten schuf Delacroix unzählige von Licht und Wärme flirrende Skizzen, in denen er gedrängt seine Reiseeindrücke zwischen Tanger und Algier festhielt. Er porträtiert, sichtlich begeistert von deren exotischer Erscheinung, markante Araber beim Schachspiel, Frauen im Harem, junge Juden und Jüdinnen und fühlt sich in die Antike zurückversetzt. Seiner Kunst erschließt sich der sinnliche Reichtum der nordafrikanischen Kultur, seine Palette gewinnt an Leuchtkraft, seine Formensprache an dynamischer Energie. "Unordnung, Staub; davor die Reiterei. Fantasias: die Pferde im Staub, dahinter die Sonne", notiert Delacroix ins Tagebuch – zum Bild gerinnen diese Erinnerungen an arabische Reiterspiele ein Jahr später etwa in "Fantasia Arabe" (1833; Städelsches Kunstinstitut Frankfurt/Main). Neben diesen dramatischen Szenen entstehen friedvollere Bilder – eine wunderbare Komposition wie der "Marokkanische Anführer" zu Pferde (1837; Musée des Beaux Arts Nantes).

Das Spätwerk: 1848-1863
Noch Jahre später gehen Bildideen aus diesen Eindrücken hervor, die zu Meisterwerken des Orientalismus führen. Das Spätwerk umfasst bis zum Ende – den fantastischen "Löwenjagden" (1858; Museum of Fine Art Boston, und 1861; The Art Institute of Chicago) und dem letzten großen Bild, "Kampf der Araber in den Bergen" (1863; National Gallery of Art Washington), – Rückgriffe auf dieses Schlüsselerlebnis.

Nach 1848 findet sich jedoch auch unvermutet Neues. Unter anderem durch Aufträge für die Ausmalung von Kirchen angeregt, befasst sich Delacroix intensiver denn je mit religiösen Motiven. 1853 malt er zum Beispiel mehrere Versionen des "Christus auf dem See Genezareth" (1853; Stiftung Sammlung Bührle Zürich und Metropolitan Museum of Art New York), "Christus am Kreuz" (um 1853/56; Kunsthalle Bremen) oder "Der Körper des heiligen Stephanus, von seinen Schülern und den heiligen Frauen fortgetragen, um ihn zu bestatten" (1853; Musée des Beaux Arts Arras).

Völlig unbeschwert, wie eine Erinnerung an die gemeinsamen Spaziergänge mit George Sand durch deren Garten in Nohant muten die opulenten Früchte- und Blumenstillleben an, die er 1849 im Salon zeigt: "Früchtekorb in einem Blumengarten" (Museum of Art Philadelphia) und "Ein umgefallener Blumenkorb in einer Parklandschaft" (The Metropolitan Museum of Art New York). In diesen Bildern schwelgt er nicht nur mit barockem Überschwang im Reichtum der Farbe und erweist sich als Meister der Komposition, der Dekoration und der Raumsuggestion, sondern er führt vor allem noch einmal – wie auch in den gewaltigen Tierbildern – Energien und Entwicklungsprozesse in der Natur und deren Wirkung auf die menschliche Emotionalität vor Augen. Auch mit diesen Werken – die noch niemals in Deutschland zu sehen waren – erweist sich Delacroix als Künstler, der sowohl seine Zeit als auch existenzielle Determinanten in seiner Kunst mit einem hohen Maß an intellektueller Präsenz und bildnerischer Genialität reflektiert.

Von Dr. Kirsten Claudia Voigt, Karlsruhe

Mehr Infos:
www.delacroix.de


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Erscheinungsdatum: 2002

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